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Verlässt man in Japan das Kino (oder schaltet den Videospieler ab, je nachdem), lässt der mediale Kulturschock nicht lange auf sich warten. Das Fernsehprogramm hat es noch immer geschafft, mir Tränen der Verzweiflung in die Augen zu treiben. Nun sind deutsche Privatsender im Wettbewerb um das niedrigste Niveau auch nicht zu unterschätzen – doch urteilen Sie selbst.Grundsätzlich gilt im japanischen Fernsehen, dass niemand alleingelassen wird.
Morgen-, Mittags-, Abendmagazine; Unterhaltungssendungen, Dokumentationen: stets sorgt eine Gruppe Prominenter dafür, den einsamen Fernsehzuschauer in ihre Unterhaltung einzubeziehen. Wer das endlose Geschnatter satt ist und verzweifelt den Kanal wechseln möchte, sucht vergeblich. Die Sendeformate gleichen sich aufs Haar.Lediglich bei den im öffentlichen Fernsehen oft übertragenen Galakonzerten hauchen die Sänger ihre enka genannten Schlager ganz einsam ins Mikrofon. Hastig greift man auf ein Neues nach der Fernbedienung, nur um Sekunden später besorgt auf die Programmzeitschrift zu schielen – einige Prominente bringen es fertig, auf allen Kanälen gleichzeitig zu erscheinen. Womöglich liegen die Studios nahe beieinander, oder es steht eine Armee von Doppelgängern bereit.
Am wahrscheinlichsten erscheint jedoch die Vermutung, dass die Stars (oder deren Manager) ihre gegenwärtige Popularität um jeden Preis auskosten wollen; Zitronen gleich, die darauf drängen, ausgequetscht zu werden. Die Quittung folgt für die Lieblinge der seichten Unterhaltung auf dem Fuß. Kein Bereich ihres persönlichen Daseins, der nicht der Neugier des Publikums eröffnet wird. Wäre der Typus des aufdringlichen Fotografen nicht italienisch Paparazzi benannt, hätten die japanischen Kollegen sicherlich gute Chancen, auf die Berufsbezeichnung einzuwirken.
In einem Klatschblatt waren neulich 53 Hinterteile prominenter Frauen abgebildet – bekleidet, versteht sich, doch nicht ohne einschlägigen Kommentar. Selbst Unbekannte werden schamlos verfolgt: Allen anständigen Mitbürgern ist noch mit Abscheu der Moment in Erinnerung, als die Presse sich am 23. Juli 1999 in einer dichten Menschentraube vor dem Hause Naoyuki Nagashimas versammelte. Der Pilot war Stunden zuvor bei einer Flugzeugentführung getötet worden. Seine Frau kehrte ahnungslos vom Einkaufen zurück – und wurde mit den grausigen Nachrichten vor laufender Kamera überrumpelt.
Doch lassen Sie uns dieses Kapitel mit vergnüglicheren Gedanken abschließen.In letzter Zeit erfreut sich eine Urawaza genannte Sendung mit raffinierten Haushaltstipps zunehmender Beliebtheit. Vom Backen mit Tofu bis zum Putzen mit fermentierten Sojabohnen findet sich ein buntes Panoptikum sinnvoller und unsinniger Ratschläge. Eine Idee ist mir konkret in Erinnerung geblieben: Wenn Sie in Ihren voll gepackten Urlaubskoffer einen schlaff aufgeblasenen Plastikball hineinstopfen, kommen Hemden und Unterwäsche so ordentlich am Zielort an, wie sie einsortiert wurden. Um diese radikale These zu untermalen, wurden zwei Koffer – einer ohne, der andere mit Ball – an einem Bungee-Seil befestigt und von einer Brücke gestoßen. Und siehe da: Es funktionierte. Chaos hier, Bügelfalte dort. Etwas unbefriedigend verlief nur die anschließende Diskussion der versammelten Prominentenrunde, da jemand einwarf, dass der Ball doch nun reichlich Platz wegnehmen würde. Dem wusste niemand etwas zu entgegnen, und ungerührt wurde der nächste Beitrag angekündigt. Nun, vielleicht hat wenigstens die Sache mit dem Bungee-Seil Spaß gemacht.Mit Godzilla oder Nausicäa kann das alles natürlich nicht konkurrieren – lassen Sie uns also an dieser Stelle ganz diskret den Stecker ziehen. Auf Wiedersehen im Kino.
Text: © Martin B. Stanzeleit, www.stanzeleit.de (Stanzeleit ist Autor des Buches "Neugierig auf Japan", ISBN 3-937101-89-6, erschienen im Wiesenburg Verlag. Die Homepage zum Buch: www.neugierigaufjapan.de)




