| Beitragsseiten |
|---|
| Fuji-san - Erfahrungen an einem mythischen Berg |
| Subashiri Climbing Trail |
| Der Gipfel des Fuji ist sein Kraterrand |
| Alle Seiten |
Heike an der 7.Station des Fuji-san. © Horst Nargang Heftige Windböen pfiffen jetzt zeitweise über den Berg. Eine dieser Böen warf mich fast aus dem Stand!
Immer wieder kam es an Steilstücken oder kleineren Kletterpassagen zu Stockungen der sich aufwärts bewegenden Japanergruppen. Als ich an einem dieser Engpässe auf Heike wartete, kühlte ich in meinen durchnässten Kleidern binnen Minuten aus, so dass ich Zitterkrämpfe bekam.
Mein „Regenanorak“ war durch und durch nass. Ebenso das Funktionsshirt, das ich als einziges Kleidungsstück auf dem Oberkörper trug. Ich musste nun handeln, sonst würde ich unter diesen Umständen nicht mehr weit kommen.
In einer der Hütten zog ich die klatschnassen Sachen aus und kramte meinen Faserpelz-Pulli aus dem Rucksack. Zum Glück war er noch halbwegs trocken.
Über den Faserpelz zog ich nun den Regenponcho, den ich mir in Namche Bazar auf dem Wege zum Lobuje Peak gekauft, aber dort niemals gebraucht hatte. So war ich wenigstens halbwegs vor der schneidend kalten Luft geschützt.
Den wertlosen Anorak schnallte ich auf den Rucksack. Selten hatte ich mich so über ein nicht funktionierendes Kleidungsstück geärgert.
Noch mehr aber über die Fotokamera, die, irritiert über so viel Feuchtigkeit im Rucksack, den Dienst verweigerte – die Elektronik war ausgefallen!
An die durchnässte Kletterhose und das Wasser in den Trekkingschuhen dachte ich nun nicht mehr. Ich ignorierte das notgedrungen einfach, da es nicht zu ändern war.
Heike tat mir nur leid, die nun bewegungslos da draußen im schneidenden Wind warten musste, bis meine Umkleideaktion beendet war. Sich nicht bewegen, hieß Frieren müssen.
Auf dem Weiterweg nach oben trieben meine Gedanken immer wieder zu der Vorstellung von einem heißen Bad. Das sollte das Erste sein, was ich nach der Rückkehr ins Hotel tun wollte: Heiß baden!
Heike folgte mir tapfer in einem Abstand von vielleicht zwanzig Metern.
Wirklich eine erstaunliche Frau: Kein Klagen und Jammern, keine Bitten um Pausen, keine Sinnfragen, die die Situation eh nicht verändert hätten...
Sie nötigte mir allen Respekt ab!
Je mehr wir uns der Gipfelzone näherten, desto ruhiger wurde es auf dem Anstieg.
Seit etwa einer Stunde hatten wir die große Masse der Pilger dieser Nacht hinter uns gelassen.
In der Hütte der 7. Fuji-Station. © Horst Nargang
Der Gipfel des Fuji ist sein Kraterrand. Es war 3.oo Uhr, als ich ihn erreichte und im Windschatten einer Holzbaracke auf Heike wartete, die bald da sein mußte.
Drei Australier machten sich schon wieder an den Abstieg, nachdem wir einige Worte gewechselt hatten.
Dann kam Heike schemenhaft aus dem Halbdunkel auf mich zu: „Sind wir wirklich oben?“, wollte sie wissen, „komm, wir gehen mal ein Stückchen weiter!“
Ich ließ ihr den Willen und bemerkte nur mehr scherzeshalber: “Wenn es nicht mehr weiter bergauf geht, ist man auf dem Gipfel, Heike“. Schließlich war sie überzeugt und wir zogen uns wieder in den Windschatten der Baracke zurück.
Eisige Windstöße fegten vorbei und eine Gipfeleuphorie wollte sich unter den gegebenen Umständen nicht einstellen.
Die heiße Brühe, die Heike aus der Thermoskanne ausschenkte, war etwas Wunderbares. Allerdings, mehr als einen Becher brachte ich nicht hinunter. Heike hatte die Brühe ganz schön konzentriert zubereitet! Aber der Wärmeeffekt war so wohltuend!
Wir waren in etwa viereinhalb Stunden auf den Gipfel gelangt. Das war eine respektable Zeit bei den miserablen äußeren Bedingungen. Normalerweise rechnet man für die Besteigung mit sechs bis acht Stunden.
Den Gedanken, hier oben auf den Sonnenaufgang zu warten, verwarfen wir. Bei der bestehenden Großwetterlagen würden wir das Himmelsschauspiel sowieso nicht geboten bekommen.
Überdies würden wir in unseren nassen Kleidern rasch auskühlen.
Durch die heftigen, kalten Böen machten wir uns an den Abstieg. Der Abstieg ist beschwerlich auf dem gerundeten, verbackenen Lavagestein. Hunderte kleiner Balanceakte... ohne Stöcke sollte man hier keinesfalls unterwegs sein. Zum Glück wurde es allmählich heller, die Batterie meiner Stirnlampe war auch schon aufgebraucht, das machte den Abstieg sicherer.
Es war 6.3o Uhr, als wir wieder relativ ebenes Gelände erreicht hatten. In Gedanken versunken waren wir Stunde um Stunde in einem Abstand von vielleicht einhundert Metern abgestiegen. Nun, fast am Ausgangspunkt für die Besteigung des Fuji angekommen, winkten wir uns kurz mit den Teleskopstöcken zu.
Ein wortloser Dialog: „Wir sind wieder unten, haben es trotz der unglaublichen Wetterkapriolen geschafft, was für ein schöner Morgen...“
An einigen Stellen des Himmels war die graue Bewölkung aufgerissen und zeigte einen strahlend blauen Himmel!! Feiner Sprühregen schwebte in der Luft. Die Hänge des Berges waren in das milde Seitenlicht des frühen Morgens getaucht und verlieh ihnen etwas malerisch Schönes. Man glaubte eine Fuji-Ansicht des Holzschnittkünstlers Hokusai vor sich zu sehen.
Über den lila-schwarz bis rostfarbenen Flanken des Fuji spannte sich ein vollkommener Regenbogen und aus dem Lavageröll hoben sich wie wahllos eingestreut, niedrige Pflanzen mit ihren lanzettartigen Blättern in scharfem Kontrast hellgrün leuchtend ab.
Es war eine Inszenierung der Natur wie zum Empfang, wie zur Belohnung – oder wie zum Hohn...
„Wer niemals auf den Fuji – san steigt,
ist ein Dummkopf.
Wer zweimal hochsteigt, ist ein doppelter Dummkopf.“
Japanisches Sprichwort
Text + Fotos : © Horst Nargang



