
Baumscheren nur von Familie Hirano
Zur Göttin waren derweil auch die Göttinnen gekommen – die Nutten. Mit Yoshiwara hatten sie in Edo schon 1617 ein eigenes Viertel in Tempelnähe bekommen. Eine Welt der Lust, nur wenige Minuten hinter dem Sensô-ji. «Wir beten heute zur Kannon!» hiess es, wenn einer sich einen schönen Tag machen wollte.
Ganze Familien bummelten durch Yoshiwara, wo die Kurtisanen stets nach dem letzten Schrei gekleidet waren, wo Moden kreiert und Trends gemacht wurden. Asakusa war hip. Und mittendrin, in einem mittlerweile prächtig herangewachsenen Tempel: Kannon, die vielleicht glücklichste Göttin der Welt.
Und eine Glücksgöttin für Asakusa, ist To-ru Tanaka überzeugt. Der Neunzigjährige stellt ein paar knallrot gelackte Sandalen zu den anderen im Regal, schaut prüfend den Inhalt zweier kleiner Kisten voller bunter Bänder durch.
1940 hatte er seinen «Go-do Hakimono»-Laden gleich um die Ecke vom Sensoji eröffnet, damals klapperten die traditionellen Holzsohlen noch überall auf dem Asphalt Asakusas: «Jeder trug Geta und Zori, praktisch ein ganzes Leben lang», erinnert sich der Alte. «Das Geschäft mit den traditionellen Sandalen ist natürlich weniger geworden, aber dank Kannon geht es uns trotzdem gut!»
Asakusas Trendverliebtheit fütterte nämlich auch die Tradition: Im Dunstkreis der Pilgerströme hatten die Kunsthandwerker stets gut zu tun. Noch heute kaufen die Buddhistenmönche und Shinto-Priester bei Tanaka ein – ebenso wie die Kabuki-Schauspieler und das Filmgewerbe. «Fast jeden Tag kommt eine Bestellung für Dreharbeiten zu irgendeinem alten Samuraifilm!» freut sich der alte Mann.
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du - Zeitschrift für Kultur
Ausgabe 773
Thema: Tokyos altes Herz. Bei Kannon, der glücklichen Göttin
ISBN 978-3-03717-031-1
12,- Euro, 20 CHF
erhältlich im Buchhandel, am Kiosk oder unter www.dumag.ch |
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Seinen Kollegen geht es nicht anders: Die vierhundert Kirschbäume im Sensoji-Garten werden nur mit Baumscheren von der Familie Hirano geschnitten, die ihren Laden «Kaneso» nun schon in der fünften Generation führt; auch die Friseure der Sumoringer bestellen hier ihre Itokiri-Scheren. Der alte Abakus-Laden von Hiromi Iwasaki rettete sich als einziges Geschäft für die alten Rechenhilfen in ganz Tokyo in die Neuzeit, und Osamu Arai, dessen Familie den kleinen Fächerladen «Bunsendo» führt, kann sich vor Anfragen nach seinen handbemalten Fächern vor allem zu Zeiten der Tempelfeste kaum retten.
Sogar die Chochinmaler blieben Asakusa – mit ihrer Kunst, Papierlaternen mit wunderschönen Mustern und Schriftzeichen zu verzieren. So bullern nach wie vor auch bei den Ondas die Kerosinöfen in der kleinen Werkstatt, die Grossvater Onda hier vor achtzig Jahren eingerichtet hatte.
Chunji, 58, malt gerade das Kanji für «Frieden» auf eine Laterne, sein Schwiegersohn Osamu, 29, rührt in rotem Lack, der vierjährige Yuto erzählt stolz, dass er jetzt im Kindergarten vom Sensoji ist, und holt aus einer Ecke die erste kleine Laterne, die er selbst bemalt hat. «Mir war völlig klar, dass wir das Geschäft von Vater weiterführen würden», sagt Chunjis Tochter Satomi, während sie zwischen Pinseln und Farbgläschen mit dem zweijährigen Ryoto spielt.
«Das ist ein sehr spezieller Laden, und wir können alle davon leben. Wäre doch dumm, das aufzugeben.»
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Text: © Silke Pfersdorf, "du - Zeitschrift für Kultur"
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