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• Fuji-san: Erfahrungen an einem mythischen Berg, Teil 3

Um 21.20 Uhr waren wir am vorläufigen Ziel angelangt. Die Türen des Busses öffneten sich und wir stiegen aus. Das war also die 5. Station. Ein Touristenauffangbecken bstehend aus einigen Hotelgebäuden sowie Verkaufsläden. Um uns beide auf seinen noch geöffneten Laden aufmerksam zu machen, rief der Besitzer mit Unterstützung eines Megaphons schnatternd seine Werbeparolen in unsere Richtung. (Teil 3 des Berichts über die Fuji-Besteigung lesen...)

• Teil 1: "Der Berg Fuji"
• Teil 2: "Merkwürdige Vorzeichen im Land der aufgehenden Sonne"

• Links zum Berg Fuji
• Buchtipps zum Berg Fuji und zu Japan

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Fuji – san
Erfahrungen an einem mythischen Berg

Teil 3:"Subashiri Climbing Trail" | Teil 1 | Teil 2
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Um 21.20 Uhr waren wir am vorläufigen Ziel angelangt. Die Türen des Busses öffneten sich und wir stiegen aus. Das war also die 5. Station. Ein Touristenauffangbecken bstehend aus einigen Hotelgebäuden sowie Verkaufsläden. Um uns beide auf seinen noch geöffneten Laden aufmerksam zu machen, rief der Besitzer mit Unterstützung eines Megaphons schnatternd seine Werbeparolen in unsere Richtung.
Er hatte diverse Besteigungsutensilien im Angebot: Hölzerne Bergstöcke, die mit einem silbernen Glöckchen und japanischer Flagge verziert waren, Sauerstoff in Dosen mit integrierter Atemmaske (!) , allerlei Andenken-Nippes und – Regenschirme! Hier hatte man an alles gedacht!
Wir machten uns marschbereit, indem wir die Stirnlampen aufsetzten, schulterten die Rucksäcke, verließen den verwaisten Parkplatz und schritten in das Dunkel hinein.
Nun waren wir tatsächlich am Fuji! Es war 22.oo Uhr.
Es war ein schönes Gehen in angenehm frischer Luft. Die Stirnlampen warfen ihre gelben Lichtkreise auf den Waldweg und öfters mussten wir großen Wasserpfützen ausweichen.

Fuji-Besteigung im stroemenden Regen
Aufstieg im strömenden Regen
© Horst Nargang

„Dieses Jahr ist ein Regenjahr, wie es Japan schon lange nicht mehr erlebt hat“, hatte mir ein junger Student erklärt, mit dem ich im Zug von Nagoya nach Hamamatsu ins Gespräch gekommen war. Wegen des schlechten Wetters reife auch der Reis nicht aus...
Und wir hatten in Europa den Jahrhundertsommer!
Nach etwa einem halben Kilometer war es dann auch wieder soweit: Zunächst spürte man nur einzelne, kleine Tröpfchen auf der Gesichtshaut, doch dann fiel der Regen in dicken, schweren Tropfen. Ausgerechnet...! Die Kapuze der Regenjacke musste nun zum Schutz eingesetzt werden und Heike zog ihre Schirmmütze noch tiefer in die Stirn.
Bald schon war meine leichte Kletterhose durchnässt und klebte an den Beinen.
Doch es sollte noch unangenehmer kommen...
Der Fuji-san gilt bei vielen Japanern auch heute noch als heiliger Berg und der Weg auf seinen Gipfel als Pilgerroute, die in insgesamt neun Stationen unterteilt ist.
Wir überholten nun die ersten Pilger mit ihren langen, hölzernen mit silbernen Glöckchen versehenen Gehstöcken.
Um 23.oo Uhr erreichten wir die 6. Station, eine kleine Hütte, davor eine Schautafel, die den Verlauf des Anstieges verdeutlichte. Ein Japaner drückte mir einen Flyer in die Hand, auf dem ebenfalls der „Direktanstieg“, für den wir uns entschieden hatten, skizziert war. Daneben gab es noch eine Reihe von Verhaltenmaßregeln. Die wichtigste war wohl, wegen gefährlicher Gerölllawinen auf keinen Fall den markierten Subashiri - Trail zu verlassen.

Von nun an ging es kontinuierlich – der Kegelform des Fuji folgend – zunehmend steiler werdend bergauf.
Ganze Gruppen von Pilgern tauchten nun im Gänsemarsch vor uns auf, die von ihren Führen aufwärts geleitet wurden.
Die Guides schienen dem Dauerregen keinerlei Beachtung zu schenken und sorgten mit ihren Kommandorufen, die sie in sich überschlagenden Silben in die Nacht hinausschrieen, für ein unablässiges Hintergrundgeräusch.
Dazu fuchtelten sie mit ca. 50 cm langen roten Leuchtstäben, deuteten hierhin und dahin. Sie wirkten hier wie Verkehrspolizisten auf einer belebten Kreuzung.
Bis weit hinauf in die Hänge des Berges wand sich die flimmernde Schlange der Leuchtpunkte aus den Stirn- und Taschenlampen der kletternden Pilgergruppen und verlor sich irgendwo im Dunkel. In den kleinen Hütten, die zu den neun Stationen auf dem Wege zum Gipfel gehören, kauerten durchnässte Bergsteiger um Feuerstellen und wärmten sich auf. Aber diese Einrichtungen waren überfüllt, wirkten ungemütlich und waren zudem - auch für japanische Verhältnisse – sehr teuer.
Hinzu kam die schier unerträgliche Geruchsaura, die aus den kleinen hölzernen Verschlägen der sanitären Einrichtungen drang. Sie allein nötigte zum Weitersteigen...
Wir machten daher nur zweimal kurze Trinkpausen bei den Hütten und setzten unseren Aufstieg fort.

3.100 m – die Luft wurde nun spürbar dünner.
Am Rande des Aufstiegspfades kauerten erschöpfte Japaner ungeachtet des niedergehenden Regens und rangen keuchend um Atem – manche inhalierten schon an ihren weißen Sauerstoffdosen, die es in den Ausrüstungsläden der 5. Station zu kaufen gab.

Der Weiterweg führte über Schlacke und Vulkanaschefelder, die kein ungehindertes Steigen erlauben. Immer wieder verliert man auf dem rutschigen Untergrund den Tritt.
Mit zunehmender Höhe – hier erfuhr die Binsenweisheit eine Steigerung – wurde somit alles mühsamer.
Allerdings braucht man für den Aufstieg zum Fuji während der Besteigungssaison, wenn die Firnfelder im oberen Bereich abgeschmolzen sind, keine Westalpen- oder gar Himalayaerfahrung. Aber Kondition und Ausdauer sollte man schon mitbringen.
Da man sich auch noch in relativ kurzen Zeit aus den Küstenregionen des Pazifiks in eine Höhe von fast 4.000 m begibt, bleiben auch die ersten Anzeichen der Höhenkrankheit nicht aus.

Ein Anflug von Kopfschmerzen deutete sich bei mir an. Später kam auch noch ein leichtes Schwindelgefühl dazu. Zunächst war ich mir nicht sicher, ob dieses Gefühl von unsicheren Untergrund herrührte, auf dem ich mich vorwärtsbewegte, oder ob die Höhe dafür verantwortlich war. Aber nachdem auch Heike über Schwindelgefühle klagte, war die Sache eindeutig.

Heike an der 7. Station des Fuji-san
Heike an der 7.Station des Fuji-san
© Horst Nargang

Heftige Windböen pfiffen jetzt zeitweise über den Berg. Eine dieser Böen warf mich fast aus dem Stand!
Immer wieder kam es an Steilstücken oder kleineren Kletterpassagen zu Stockungen der sich aufwärts bewegenden Japanergruppen. Als ich an einem dieser Engpässe auf Heike wartete, kühlte ich in meinen durchnässten Kleidern binnen Minuten aus, so dass ich Zitterkrämpfe bekam.
Mein „Regenanorak“ war durch und durch nass. Ebenso das Funktionsshirt, das ich als einziges Kleidungsstück auf dem Oberkörper trug. Ich musste nun handeln, sonst würde ich unter diesen Umständen nicht mehr weit kommen.
In einer der Hütten zog ich die klatschnassen Sachen aus und kramte meinen Faserpelz-Pulli aus dem Rucksack. Zum Glück war er noch halbwegs trocken.
Über den Faserpelz zog ich nun den Regenponcho, den ich mir in Namche Bazar auf dem Wege zum Lobuje Peak gekauft, aber dort niemals gebraucht hatte. So war ich wenigstens halbwegs vor der schneidend kalten Luft geschützt.
Den wertlosen Anorak schnallte ich auf den Rucksack. Selten hatte ich mich so über ein nicht funktionierendes Kleidungsstück geärgert.
Noch mehr aber über die Fotokamera, die, irritiert über so viel Feuchtigkeit im Rucksack, den Dienst verweigerte – die Elektronik war ausgefallen!
An die durchnässte Kletterhose und das Wasser in den Trekkingschuhen dachte ich nun nicht mehr. Ich ignorierte das notgedrungen einfach, da es nicht zu ändern war.
Heike tat mir nur leid, die nun bewegungslos da draußen im schneidenden Wind warten musste, bis meine Umkleideaktion beendet war. Sich nicht bewegen, hieß Frieren müssen.
Auf dem Weiterweg nach oben trieben meine Gedanken immer wieder zu der Vorstellung von einem heißen Bad. Das sollte das Erste sein, was ich nach der Rückkehr ins Hotel tun wollte: Heiß baden!
Heike folgte mir tapfer in einem Abstand von vielleicht zwanzig Metern.
Wirklich eine erstaunliche Frau: Kein Klagen und Jammern, keine Bitten um Pausen, keine Sinnfragen, die die Situation eh nicht verändert hätten...
Sie nötigte mir allen Respekt ab!
Je mehr wir uns der Gipfelzone näherten, desto ruhiger wurde es auf dem Anstieg.
Seit etwa einer Stunde hatten wir die große Masse der Pilger dieser Nacht hinter uns gelassen.

In der Huette der 7. Fuji-Station
In der Hütte der 7. Fuji-Station
© Horst Nargang

Der Gipfel des Fuji ist sein Kraterrand. Es war 3.oo Uhr, als ich ihn erreichte und im Wind-schatten einer Holzbaracke auf Heike wartete, die bald da sein mußte.
Drei Australier machten sich schon wieder an den Abstieg, nachdem wir einige Worte ge-wechselt hatten.
Dann kam Heike schemenhaft aus dem Halbdunkel auf mich zu: „Sind wir wirklich oben?“, wollte sie wissen, „komm, wir gehen mal ein Stückchen weiter!“
Ich ließ ihr den Willen und bemerkte nur mehr scherzeshalber: “Wenn es nicht mehr weiter bergauf geht, ist man auf dem Gipfel, Heike“. Schließlich war sie überzeugt und wir zogen uns wieder in den Windschatten der Baracke zurück.
Eisige Windstöße fegten vorbei und eine Gipfeleuphorie wollte sich unter den gegebenen Umständen nicht einstellen.
Die heiße Brühe, die Heike aus der Thermoskanne ausschenkte, war etwas Wunderbares. Allerdings, mehr als einen Becher brachte ich nicht hinunter. Heike hatte die Brühe ganz schön konzentriert zubereitet! Aber der Wärmeeffekt war so wohltuend!
Wir waren in etwa viereinhalb Stunden auf den Gipfel gelangt. Das war eine respektable Zeit bei den miserablen äußeren Bedingungen. Normalerweise rechnet man für die Besteigung mit sechs bis acht Stunden.
Den Gedanken, hier oben auf den Sonnenaufgang zu warten, verwarfen wir. Bei der bestehenden Großwetterlagen würden wir das Himmelsschauspiel sowieso nicht geboten bekommen.
Überdies würden wir in unseren nassen Kleidern rasch auskühlen.
Durch die heftigen, kalten Böen machten wir uns an den Abstieg. Der Abstieg ist beschwerlich auf dem gerundeten, verbackenen Lavagestein. Hunderte kleiner Balanceakte... ohne Stöcke sollte man hier keinesfalls unterwegs sein. Zum Glück wurde es allmählich heller, die Batterie meiner Stirnlampe war auch schon aufgebraucht, das machte den Abstieg sicherer.
Es war 6.3o Uhr, als wir wieder relativ ebenes Gelände erreicht hatten. In Gedanken versunken waren wir Stunde um Stunde in einem Abstand von vielleicht einhundert Metern abgestiegen. Nun, fast am Ausgangspunkt für die Besteigung des Fuji angekommen, winkten wir uns kurz mit den Teleskopstöcken zu.
Ein wortloser Dialog: „Wir sind wieder unten, haben es trotz der unglaublichen Wetterkapriolen geschafft, was für ein schöner Morgen...“

An einigen Stellen des Himmels war die graue Bewölkung aufgerissen und zeigte einen strahlend blauen Himmel!! Feiner Sprühregen schwebte in der Luft. Die Hänge des Berges waren in das milde Seitenlicht des frühen Morgens getaucht und verlieh ihnen etwas malerisch Schönes. Man glaubte eine Fuji-Ansicht des Holzschnittkünstlers Hokusai vor sich zu sehen.
Über den lila-schwarz bis rostfarbenen Flanken des Fuji spannte sich ein vollkommener Regenbogen und aus dem Lavageröll hoben sich wie wahllos eingestreut, niedrige Pflanzen mit ihren lanzettartigen Blättern in scharfem Kontrast hellgrün leuchtend ab.
Es war eine Inszenierung der Natur wie zum Empfang, wie zur Belohnung – oder wie zum Hohn...

„Wer niemals auf den Fuji – san steigt,
ist ein Dummkopf.
Wer zweimal hochsteigt, ist ein doppelter Dummkopf.“

Japanisches Sprichwort


Text + Fotos : © Horst Nargang

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- Reisebericht Mt. Fuji und auf derselben Website Klettern auf dem Mt. Fuji
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• Mt. Fuji und Kunst
- Der Berg Fuji in der japanischen Kunst (sehr umfassender Beitrag)
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