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• Wagasa - Japanische Schirmkultur früher und heute

Willkommen im Schirmparadies!
Japans Schirmkultur ist bedeutend ausgereifter als hierzulande. Dies wird dem Japan-Reisenden spätestens dann klar, wenn er ein Kaufhaus oder ein öffentliches Gebäude betritt. Dort stößt er nämlich im Eingangsbereich auf abschließbare "Schirmgaragen", die sogenannten "kasatate". Diese gibt es in den verschiedensten Formen und mit Raffinessen, an die unsereins nicht mal im Traum denken würde...
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JAPAN access Kulturspot:
Wagasa - Japanische Schirmkultur früher und heute

Ein Einblick in die Tradition der Schirmbenutzung in Japan
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Tsuyu - Japans fünfte Jahreszeit
Alljährlich im Juni und Juli werden weite Teile Japans von der fünften Jahreszeit heimgesucht. Während der Regenzeit (jap. "tsuyu" oder auch "baiyu"), strömt das Wasser wie aus Kübeln vom Himmel. Wäschetrocknen im Freien kann man in dieser Zeit komplett vergessen. Verständlicherweise herrscht besonders zu dieser Jahreszeit eine verstärkte Nachfrage nach Regenschirmen ("kasa") in allen Variationen. Für unbeschirmte Fußgänger gibt es an den Straßen zahlreiche Möglichkeiten, schnell noch einen Regenschirm zu ergattern. An Billigmodellen unter 1,- Euro herrscht kein Mangel; es werden sogar Einmal-Schirme angeboten. Wer einmal Bekanntschaft mit einem heftigen Regenguss gemacht hat, weiss dies sehr wohl zu schätzen.

Kasatate - Japanischer Schirmständer
Kasatate
Japanischer Schirmständer

Willkommen im Schirmparadies!
Japans Schirmkultur ist bedeutend ausgereifter ist als hierzulande. Dies wird dem Japan-Reisenden spätestens dann klar, wenn er ein Kaufhaus oder ein öffentliches Gebäude betritt. Dort stößt er nämlich im Eingangsbereich auf abschließbare "Schirmgaragen", die sogenannten "kasatate". Diese gibt es in den verschiedensten Formen und mit Raffinessen, an die unsereins nicht mal im Traum denken würde. Kein Vergleich zu unseren urzeitlichen Schirmständern!

Schirm parken? Aber sicher!
Je nach Typ der Schirmgarage wird der Schirm gar durch ein Zahlen-, ein Karten- oder ein Münzschloss gesichert. Darüberhinaus gibt es Schirmhüllen-Spender für Stockschirme. Diese findet man zumeist in der Nähe der Shirmgaragen. Man schiebt den Schirm in die kreisrunde Öffnung eines unscheinbaren Kastens und zieht ihn mit einer dünnen Kunsstoffhülle "bekleidet" wieder heraus. Als sei dies nicht schon genug, stößt man hier und da auch noch auf Vorrichtungen für das Entfernen der benutzten Schirmhülle. Diese kehren die Methode des Schirmbekleidens einfach um: Schirm mit Hülle einstecken und wieder herausziehen - schon ist die Hülle verschwunden!

Wagasa
Den traditionellen Schirm bezeichnet man seit dem Auftauchen des westlichen Modells in der Meiji-Zeit zwecks eindeutiger Abgrenzung allgemeinhin als "wagasa".
Man kann "wagasa" grob in 4 Gruppen einteilen:
- janome-gasa (janome = Schlangenauge)
- ban-gasa (einfach, fest und stabil: ein Alltagsschirm)
- buyo-gasa (für den Tanz; aus Seide oder Papier)
- nodate-gasa (leuchtend rot, für die Teezeremonie)
Bis zur Meiji-Zeit (1868-1912) gehörten die Bambusschirme zum Alltagsleben und allein in Kyoto gab es hunderte von Schirmwerkstätten.

 

Janome-gasa, Japanischer Bambusschirm mit Schlangenaugen-Dekor, © Hiyoshiya
Janome-gasa: Schirm
mit Schlangenaugen-Dekor
あめ あめ 降れ 降れ かあさん が
ame ame fure fure kaasan ga

蛇の目 で おむかえ 嬉しい な
janome de omukae ureshii na

ぴち ぴち ちゃぷ ちゃぷ ラン ラン ラン
pitchi pitchi chappu chappu ran ran ran

So lautet die erste Strophe eines alten Kinderliedes ("amefuri"), in dem davon die Rede ist, dass die Mutter im strömenden Regen mit einem traditionellen Regenschirm in der Hand das Kind nach Hause holt, und was für ein Vergnügen es ist, durch die Pfützen zu springen und dem Geräusch des strömenden Regens zu lauschen.

Vom Strohmantel zum schicken Mode-Accessoire
Der frühe japanische Regenschutz bestand zunächst aus einem Stohhut ("suge-gasa") und einem Strohumhang ("mino"). Man geht davon aus, dass der Vorgänger des "wagasa" etwa zu Beginn der Heian-Zeit (794-1185) aus China nach Japan kam und zunächst den Adligen (zinnoberrot) und Samurai (weiß) vorbehalten war. Nach und nach kam jedoch auch der Rest der Bevölkerung in den Genuss dieses praktischen und schönen Utensils. Schon damals war der Schirm nicht nur ein Mittel zum Zweck sondern auch ein beliebtes Mode-Accessoire.

Der Trick mit der Faltung
Der frühe "wagasa" war noch nicht faltbar. Erst in der Azuchi-Momoyama-Zeit (1568-1603) wurde der Faltmechanismus entwickelt, der den praktischen Nutzen des Schirms erheblich steigerte. Der Mechanismus an sich ist dem des modernen Schirm ähnlich. Allerdings faltet sich der japanische Schirm derart, dass im gefalteten Zustand nur noch die Bambus-Verstrebungen zu sehen sind, nicht das Deckmaterial. Die ca. 30-70 (!) Bambus-Stäbe eines "wagasa" werden so geschickt aus einem einzigen Bambusrohr geschnitten, dass sie sich beim Falten des Schirms nahtlos zu einer geschlosssenen Oberfläche aneinander fügen. Beim westlichen Schirm dagegen liegt nach dem Zusammenfaltenfalten der 6-16 Streben das Deckmaterial locker am Griff an.

Roter Wagasa mit Aufschrift bei einer Hochzeitszeremonie © Hiyoshiya
Roter Wagasa mit Aufschrift
bei einer Hochzeitszeremonie
© Hiyoshiya

Die endgültige Form
Etwa ab dem 14. Jahrhundert bis zur Edo-Zeit (1603-1868) erhielt der "wagasa" die Gestalt, in der er heute noch hergestellt wird. Als Motiv bei Lackwaren, Keramik und Textilien erfreute sich der traditionelle japanische Schirm seit jeher größter Beliebtheit. Auch in Werken von Hiroshige Andô (1797-1858) und Utamarô Kitagawa (1753-1806) finden sich Darstellungen des "wagasa".

Der "wagasa" bekommt Konkurrenz
Als mit der Meiji-Zeit auch die westlichen Einflüsse stärker wurden, verlor der japanische Schirm durch die Einführung des westlichen, unempfindlicheren Regenschirm rasch an Bedeutung. Im späten 20. Jhdt. wurden zwar immerhin noch über eine Million "wagasa" in tradtionellen Werkstätten in ganz Japan produziert, aber schließlich gewann wurde bis heute fast aus dem Straßenbild verdrängt.

Dennoch findet auch heute noch der "wagasa" weiterhin Verwendung, z.B. als großer, leuchtendroter Sonnenschirm bei Tee- oder anderen Zeremonien im Außenbereich. Auch in traditionellen Tanzdarbietungen und im Kabuki-Theater ist er weiterhin als "buyo-gasa" unabkömmlich.

Unterschiede zwischen West und Ost

Wagasa, gefaltet
Stockschirm,
gefaltet


Westlicher Schirm:
- Kuppeldach
- 6-16 Streben aus Metall
- Deckmaterial ist Stoff oder Kunststoff
- Gefaltet, liegt das Deckmaterial locker an und wird durch ein Band fixiert
- Steht im Ruhezustand kopfüber auf der Spitze
- Schirmspitze aus Metall, Holz oder Kunststoff

Wagasa, gefaltet
Wagasa,
gefaltet


Japanischer Schirm:

- Schräges Dach
- 30-70 Streben aus Bambus
- Deckmaterial ist Washi (Japanpapier)
- Deckmaterial im gefalteten Zustand nicht zu sehen, Oberfläche rohrförmig geschlossen.
- Wird im Ruhezustand auf den Griff gestellt
- Schirmspitze aus Holz mit Papierkappe

Der magere Rest: Schirm-Handwerk auf verlorenem Posten
Aktuell wird der "wagasa" nur noch in 5 von der Regierung zertifizierten Werkstätten in ganz Japan hergestellt. Diese befinden sich vor allem in Kyoto und Gifu. Trotz der stark geschrumpften Nachfrage ist der tradtionelle Schirm und die dahinter steckende hohe Handwerkskunst heute jedoch immer noch hoch angesehen. Wenn Sie erfahren wollen, welch enormer zeitlicher und handwerklicher Aufwand in der Herstellung eines einzigen japanischen Bambus-Schirms steckt, dann lassen Sie sich den zweiten Teil dieser Serie nicht entgehen (bald als Kulturspot online!).

Text: © Veronika Nagata, JAPAN access

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